Materialkunde

Der Charme der Gründerzeithäuser hängt nicht zuletzt auch mit den verbauten Materialien zusammen. Schon allein, weil weite Transportwege für den Großteil der damaligen Bevölkerung unbezahlbar waren, wurden hauptsächlich regionale und natürliche Baustoffe verwendet: Ton und Lehm für das Mauerwerk und die Dachziegel, Holz aus den umliegenden Wäldern für die Balkendecken, Fußböden und den Dachstuhl, Eisen und Koks für das Stahl in den Kellerdecken und Sand, Kieselsteine und Kalk für Putz, Mörtel und Fensterscheiben.

Schon damals wusste man um besondere Umstände wie feuchte Keller oder Kondensation und verstand es, die zur Verfügung stehenden Baumaterialien intelligent und überlegt zusammenzustellen. So passte man das eigene Wohnverhalten der Substanz des Hauses an.

In der Sanierung von denkmalgeschützten Altbauten wird heute weiterhin auf künstliche Baustoffe verzichtet – um die historische Substanz zu wahren sowie aus Gründen der Nachhaltigkeit. Denn natürliche Baustoffe sind reparaturfähiger und besser trenn- und weiterverwertbar. Zudem ermöglicht der Verzicht auf bedenkliche Materialien gesunden Wohnraum.

Und: Holzböden, Steinfliesen, Kalkputz und andere Naturmaterialien machen eine Wohnung mit allen Sinnen spürbar – ein einzigartiges Wohngefühl.

Die einzelnen Bauteile im Überblick

Fensterscheiben

Ursprünglich kamen einfach verglaste Fenster zum Einsatz. Mittlerweile wurden diese meist durch mehrfach verglaste Scheiben ausgetauscht. Gläser bestehen hauptsächlich aus Siliciumdioxid, also Quarzsand. Gemischt wird dieser oft mit Kalk und Soda sowie weiteren kleinen Anteilen an Gesteinsbestandteilen. Die durchsichtige Substanz entsteht durch das Schmelzen und sehr schnelle Abkühlen der Materialien.

Fliesen

Hübsch gemusterte Fliesen in den Eingangsbereichen und Fluren sorgen noch heute für ein wohliges Gefühl beim Betreten eines Gründerzeithauses. Die Fliesen bestehen hauptsächlich aus Ton, außerdem etwas Quarz, Kaolin und Feldspat. Meist erfolgen im Herstellungsprozess der Fliesen zwei Brennvorgänge: Im ersten werden die Fliesen geformt. Anschließend erfolgt die Verzierung und ein zweiter Brennvorgang zum Glasieren. Der Vorteil von Fliesen: Sie sind ein äußerst robuster und langlebiger Bodenbelag.

Holzbalken

Für die Geschossdecken der Altbauten wurden Holzbalken verbaut. Das dafür verwendete Holz stammte aus den umliegenden, regionalen Wäldern.

Stuckelemente

Stuckelemente wurden traditionell zu 100 % aus Gips hergestellt – einem nicht brennbaren, geruchsneutralen und ausgasungsfreien Baustoff.

Mauerziegel

Die Ziegelsteine des Mauerwerks bestehen aus tonhaltigem Lehm. Das Gemisch wird in quaderförmige Formen gepresst und bei etwa 600-900 °C gebrannt. Der gesamte Brennvorgang benötigte früher etwa 14 Tage, da die Ziegel schonend aufgewärmt und abgekühlt werden mussten, um nicht zu zerspringen. Bei diesem herkömmlichen Herstellungsprozess kommt es zu Ziegeln unterschiedlicher Qualität und unterschiedlicher Dichte. Schließlich wurden, anders als bei modernen Ziegeln, keine Zusatzstoffe wie Sägemehl oder Polystyrolkugeln zugegeben. Die unterschiedliche Farbe der Ziegel entsteht je nachdem, ob es sich um kalkhaltigen Ton, eisenhaltigen Ton oder Naturton handelt.

Mörtel

Mörtel fungiert als „Klebstoff“ für die Mauerziegel, um diese zu stabilen Wänden zusammenzusetzen. Für die Herstellung wurde Kalk als Bindemittel, Gesteinskörnung (Sand oder Feinkies) und etwas Wasser verwendet. Durch chemische Reaktionen des Bindemittels und der Luft trocknet der Mauermörtel aus.

Putz

In typischen Gründerzeithäusern werden die Wände mit Kalkputz verputzt. Dieser besteht neben Kalk aus diversen Bindemitteln wie Zement, Gips, Lehm oder Silikat, Zuschlagstoffen wie Quarzsand, Kies, Gesteinsmehle und Ziegelsplitt, gegebenenfalls noch Stroh, Tierhaar, Glasfaser und Glasmehl sowie Wasser.

Stahl

Aufgrund der erhöhten Traglast der Kellerdecken handelt es sich bei diesen oft um Stahlträgerdecken. Auch Fensterstürze sind oft aus Stahl hergestellt. Stahl wurde im Hochofenverfahren erzeugt. Dazu wird Eisenerz und Koks verwendet, um Roheisen zur Weiterverarbeitung zu gewinnen.